Wie du einen Romananfang schreibst, der deine Leser vom 1. Satz fesselt

von | Mai 14, 2024 | Schreibhandwerk | 0 Kommentare

Wieso ist ein guter Rom­an­an­fang so wichtig? 

Ganz einfach! Weil dein Roman den wendungsreichsten Mittelteil und den spannendsten Schluss haben kann: Nur über den Anfang finden deine LeserInnen den Weg dorthin. Er ist der Hook, der Haken, der sie in die Handlung hineinzieht. Das Gleiche gilt natürlich auch für LiteraturagentInnen und VerlagslektorInnen. Niemand von diesen drei Personengruppen wird denken: Puh! Das ist ja alles ganz schön langweilig, aber ich blätterte jetzt mal 100 Seiten vor. Wird sicher besser!

Der Anfang MUSS also mitreißen. Und genau das ist das Problem: denn dieses Wissen hemmt; auch erfahrene AutorInnen. Mich zumindest hat es noch bei meinem 11. Buch Zwischen dir und mir das Meer 2017 so sehr gehemmt, dass ich richtiggehende Panikgefühle entwickelt habe, wenn ich nur den Laptop aufgeklappt habe. 


Ich kann mich noch gut an einen Dialog erinnern, den ich mit meiner Freundin Isabelle damals geführt habe, die übrigens auch Lektorin ist.  

Isabelle: Wie läuft es mit dem neuen Buch?

Ich (mit einem Seufzer): Dieses Mal wird das nichts. 

Isabelle: Das sagst du immer. 

Ich (mit einem noch inbrünstigeren Seufzer): Dieses Mal ist es aber wirklich so. 

Isabelle: Das sagst du auch immer. 

Wenn du das Anfangen als genauso furchteinflößend findest, wie ich lange Zeit, tröste dich: Du bist nicht allein! Es ist ganz normal, dass du am Anfang deines Romans Startschwierigkeiten hast.  Schließlich schreibst du, auch wenn du ein Konzept geschrieben hast (wie das geht, erfährst du in diesem Blogbeitrag) ja über Menschen, die du gerade erst kennenlernst. Und ein weißer Bildschirm hemmt, genauso wie das Wissen, welch weiter Weg noch vor dir liegt.

Auf dem Weg zu deinem perfekten Romananfang darf ich dir mit diesem Blogartikel aber zumindest eine Abkürzung verraten. 

Eine gute Methode, um sofort Spannung aufzubauen, ist, die Handlung „in medias res“ beginnen zu lassen. Das bedeutet, du führst die LeserInnen nicht langsam an die Geschichte heran, sondern steigst mitten im Geschehen ein. Fängst du dagegen mit langatmigen Erklärungen an, sind sie weg. Du hast es sicher auch schon gemerkt: an dir oder anderen. Das Hirn des modernen Menschen hat inzwischen die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches. Wenn es ein Medium schaffen will, unser Interesse länger an etwas zu binden, muss es uns in 3 Sekunden überzeugen. LeserInnen müssen sich also direkt mitten in der Handlung befinden, als nur am Rand. 

Beginne am besten mit einem ganz konkreten und für deine Hauptfigur im Idealfall auch sehr emotionalen Erlebnis und zeige, wie sie darauf reagiert. Mit einem solch charakterbasierenden Einstieg hast du viel mehr Chancen, den Leser zum Weiterlesen zu animieren als mit weitschweifigen Beschreibungen.

Menschen interessiert nicht so sehr, was passiert, sondern wem es passiert! Denn das Schönste am Lesen ist es doch, über die Figuren einer Geschichte Einblicke in andere Leben zu bekommen, andere Erfahrungen zu sammeln und im Idealfall Impulse für unser eigenes Leben zu bekommen.

In meinem Debütroman Aussicht auf Sternschnuppen habe ich folgendermaßen begonnen: 

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich als überzeugte Katholiken wiedergeboren werde, trete ich in meinem nächsten Leben direkt nach dem Schulabschluss in ein Kloster ein. 

Ich erkläre nicht erst, dass hier Helga spricht (36, 3 Schwestern, wohnhaft in München), und ich erzähle erst einmal nicht, wieso sie diesen doch etwas ungewöhnlichen Gedanken hat. Das erfahren die LeserInnen erst am Ende der ersten Seite: Helga hat kurz vor der Geschäftsreise ihres Freundes Guiseppe nach Italien in dessen Handy nämlich eine äußerst verfängliche SMS gefunden. (Die hat man 2011 tatsächlich noch geschrieben.)

Das heißt aber nicht, dass du gleich zum Romananfang schon jedes Detail über dein Figur verraten sollst. Konzentriere dich auf deren Besonderheiten, ihre Macken und die Defizite. Was aber sogar noch wichtiger ist: Zeige deinen LeserInnen die Wünschen, Träumen, Sorgen und Ängste der Figur! Zeige ihnen das Ziel, das sie hat! Und sorge dafür, dass er sie sympathisch findet – oder zumindest faszinierend. 
Maya die Hauptfigur in Der Wind nimmt uns mit ist am Romananfang sicher keine Sympathieträgerin. Maya ist Reisebloggerin, hetzt von einem Ort zum nächsten, um ihre Follower bei Laune zu halten, sie hat gleich auf den ersten Seiten einen One Night Stand und denkst kurze Zeit später darüber nach das Kind abtreiben zu lassen. 
Wieso Maya als Figur trotzdem funktioniert, hat drei Gründe:

  1. Zum einen träumen viele Leser von einem so freien, unangepassten Leben, wie sie es hat.
  2. Zum anderen erwecke ich ein gewisses Verständnis, weil ich die Zerrissenheit Mayas gleich am Anfang deutlich machte: ihre Einsamkeit, die dieser Lebensstil mit sich bringt, das Gefühl immer zu reisen und niemals anzukommen, und es ist klar, dass ein Kind nicht nur unbequem für sie ist, sondern auch ihre Existenz gefährdet.
  3. Und zu guter Letzt erwecke ich Spannung, weil sich der Leser fragt, wie um Himmels willen Maya es schafft, aus dem ganzen Schlamassel wieder rauszukommen.

Maya würde ich also eher in die Kategorie faszinierend als sympathisch einordnen.

Sympathie kannst du erreichen, wenn die Leser Mitleid mit deiner Figur haben, oder du sie eine heroische Tat tun lässt. Emilia aus Wie Träume im Sommerwind finden die Leser sofort sympathisch. Zumindest lese ich das immer wieder in Rezensionen. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie gleich am Anfang eine Bahnhofskatze füttert und durch den furchtbaren Unfall ihrer Schwester sofort das Mitgefühl der LeserInnen geweckt wird. 

Alltag darf aber keine Ausrede für Langeweile sein! LeserInnen interessiert nicht, dass deine Hauptfigur jeden Morgen um halb acht in ihren Audi A6 steigt und zu ihrer Arbeitsstelle, der Deutschen Bank, fährt. Wenn sie auf der Fahrt darüber nachdenkt, ihren tyrannischen Chef umzubringen oder die Bank auszurauben, sieht die Sache schon anders aus. 

Doch du brauchst nicht gleich zu derart drastischen Mitteln zu greifen, um Interesse für deine Figur zu wecken. Es reicht, wenn du deutlich machst, dass ihre alltägliche Welt Risse hat – und du andeutest, dass diese Welt schon bald durch ein einschneidendes Ereignis erschüttert wird.

Zum Geburtstag hatte mir meine Zwillingschwester Mia einen Ratgeber geschenkt mit dem Titel Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Warum Bravsein uns nicht weiterbringt.

Sehnsucht nach Zimtsternen

Man muss keine besonderen Fähigkeiten haben, um nach einem solchen Anfang zu wissen: Da ist etwas im Busch! Irgendetwas wird passieren, was der gerade noch so angepassten Hauptfigur, sie heißt Lilly, zeigt, dass es Zeit ist, die Krallen auszufahren. Und was das ist, das möchten die LeserInnen erfahren!

Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt.

Indem du gleich am Romananfang gezielt Fragen aufwirfst, diese aber gar nicht oder nur zum Teil beantwortest, weckst du die Neugier deiner LeserInnen und hältst die Spannung aufrecht. Es ist wichtig, deine LeserInnen immer wieder zum Weiterlesen zu motivieren, indem du kleine Hinweise gibst: auf einen Konflikt, ein Detail über eine Figur oder sogar ein Geheimnis. Das Vergnügen der Menschen daran, DetektivIn zu spielen, und Hintergründe und Motive von Figuren entdecken zu wollen, solltest du dir nicht nur in der Spannungsliteratur, sondern auch in allen anderen Genres zunutze machen.

In Wo die Sterne tanzen zum Beispiel erhoffen sich LeserInnen im weiteren Verlauf der Handlung Antwort auf die Frage zu bekommen, wie es denn nur sein kann, dass das hoffnungsvolle Mädchen, das im Prolog des Romans frisch verliebt ist und an einer renommierten Musicalschule angenommen worden ist, 20 Jahre später im ersten Kapitel als alleinerziehende, arbeitslose und desillusionierte Frau auf ihre Heimatinsel Juist zurückkommt. 

Verrate also am Romanfang auf keinen Fall zu viel. Ein großes Teil des Lesevergnügens ist es doch, sich das große Ganze einer Geschichte Puzzleteil für Puzzleteil zu erschließen, oder nicht? 

Das ist der Punkt, den ich bei der Korrektur der Romananfänge meiner SchreibschülerInnen am allerhäufigsten an den Rand schreibe. In ihren Köpfen ist es vielleicht klar, zu welcher Zeit und wo die Handlung gerade spielt und wer die Figur ist, die gerade spricht, ich als LeserIn will es aber auch wissen.  Leserinnen und Leser müssen sich nämlich in der Welt deiner Geschichte zurechtfinden, um sich vollständig auf das Geschehen einlassen zu können. Deine Worte sollen Bilder in ihrem Gehirn entstehen lassen, und die Voraussetzung dafür ist, dass du ihnen alle wichtigen Informationen dazu gibst. 

Damit du weißt, was genau ich mit diesem Tipp meine, zeige ich dir die ersten Romananfänge von zwei Schreibschülerinnen: 

Anfang 1:

„Ella, komm endlich. Wir müssen los. Ich muss um 9 im Büro sein!“ 

Ein kurzer Blick in den Spiegel ließ Pauline innerlich aufstöhnen. Wenig Schlaf, noch weniger Bewegung und die Tatsache, dass sie sich auch in ihrem Job seit Monaten im Hamsterrad befand, zeigten sich in immer tieferen Augenringen, gefühlt zig neuen Runzelfalten und einer viel zu engen Hose. 

Du kannst dir Pauline, eine Frau mittleren Alters sicher wunderbar vorstellen, und du hast sicher auch die Ahnung, dass es sich bei Ella um ihre Tochter handelt. Aber weißt du auch, wo Ella gerade ist? Ich wette, nein! Sie kann im Schlafanzug und mit dem Smartphone in der Hand am Bad vorbeischlurfen, sie kann aber auch noch in ihrem Bett liegen. 

Anfang 2:

„Lass das Blitz!“, schimpfte Sophie mit dem braun-weiß gescheckten Pony, das sich gerade eine Möhre aus ihrem halb geöffneten Rucksack stibitzt hatte. Gleich darauf musste sie lachen. So süß wie Blitz sie aus seinen dunklen braunen Augen ansah und genüsslich die erbeutete Möhre kaute, konnte sie ihm einfach nicht böse sein. „Na gut, aber das ist wirklich die Letzte für heute!“. Sophie wuschelte Blitz liebevoll durch seine dichte schokobraune Mähne und kraulte ihr Lieblingspony noch einmal ausgiebig. Sie schloss die Augen und atmete einige Male tief ein. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, wie immer, wenn sie diese wunderbare Mischung aus Pferd, Gras und Sommer roch.

Das ist an sich ein schöner, stimmungsvoller Romananfang, der genau auf die Zielgruppe Pferdeliebende Mädchen und Jungen von 8 bis 10 zugeschnitten ist, und trotzdem habe ich mich die ganze Zeit gefragt: Wo sind Mädchen und Pferd denn gerade? Auf der Wiese? Im Stall? Und wie sieht es dort aus?

Man kann wirklich nicht oft genug darauf hinweisen. Deshalb auch mein erster Tipp, mit der Hauptfigur zu beginnen und sie sofort in eine emotionale Situation zu werfen. Erst nachdem du den LeserInnen durch das Interesse an deiner Hauptfigur und ein konkretes Erlebnis von ihr am Ankelhaken hast, kannst du anfangen, nach und nach ein paar Hintergrundinformationen über ihr Leben einfließen zu lassen. Vorher nicht! Die Gefahr, den Leser durch lange Hintergrundgeschichten zu langweilen und damit zu verlieren, ist am Anfang besonders groß. Das ist aber nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhört. Auch ich muss nach der ersten Fassung immer wahnsinnig viel Infodump herausstreichen. Als ich angefangen habe, zu schreiben, war das sogar noch mehr.  
Der Grund dafür, wieso du von Beschreibungen und Erklärungen vor allem am Anfang absehen wolltest, ist einfach: Langes Erzählen spricht nur den Intellekt LeserInnen an. Das könnte ein Grund dafür sein, wieso weitschweifige Beschreibungen in der gehobene Literatur so häufig vorkommen. In der Unterhaltungsliteratur jedoch möchtest du nicht den Intellekt deiner LeserInnen ansprechen, sondern ihre Gefühle. Werden sie emotional angesprochen, steigert das die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf den Roman einlassen werden.

Frei übersetzt bedeutet Show don´t tell übrigens: Zeige LeserInnen die Handlung Ihres Romans, erzähle sie ihnen nicht. Du verstehst sicher, was ich meine, wenn ich es an einem Beispiel deutlich mache.

  1. Sophia war unglücklich, wollte es Eduardo aber nicht zeigen. (Tell)
  2. Sophia schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Vor Eduardo würde sie nicht weinen. (Show)

Hast du den Unterschied gemerkt? Der zweite Text gibt LeserInnen die Chance, mitzufühlen. Im ersten dagegen bauen sie keine emotionale Verbindung zu ihm auf.

Natürlich musst du nicht jede Handlung und jedes Ereignis zeigen, sondern du kannst auch hin und wieder einmal erzählen erzählen. Aber lieber nicht im Anfang.

Warum der erste Satz eines Romans so wichtig ist?

Über den ersten Satz eines Romans sind ganze Bücher geschrieben, und auch ich habe mir gerade am Anfang wochenlang den Kopf darüber zerbrochen. Natürlich gibt es grandiose erste Sätze, die dem Leser noch lange, nachdem er das Buch zugeklappt hat, im Kopf herumschwirren. 

Beispiele gefällig?

  • Alle Kinder, außer einem, werden erwachsen. (Peter Pan)
  • Gestern Nacht träumte ich, ich wäre wieder in Manderley. (Daphne du Maurier: Rebecca)
  • Oder der Anfang von Romy Hausmanns grandiosem Liebes Kind: 
    Am ersten Tag verliere ich mein Zeitgefühl, meine Würde und einen Backenzahn. 

Alle diese Romananfänge haben es gemein, dass sie es ausgezeichnet schaffen, Spannung durch offene Fragen zu wecken als auch die Erzählstimme sowie die Stimmung des Romans sofort deutlich zu machen.

Hast du einen solchen perfekten Satz nicht gefunden, brauchst du dich aber auch nicht grämen. Im schlimmsten Fall führt das zu einer Schreibblockade,  und du kommst gar nicht mehr voran.

Lass dir gesagt sein: Nur die wenigstens Romananfänge sind genial. Ich zumindest wäre äußerst überrascht, wenn es viele Leser gäbe, die von einem meiner ersten Sätze so beeindruckt sind, dass er ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. 

Aber ich habe erste Sätze, die mir geholfen haben, in die Geschichte zu finden, und sie bis zum Wort Ende auch fertig zu schreiben. Und ich wage zu behaupten, dass die meisten Leser meine Geschichten mögen – selbst wenn der erste Satz nur durchschnittlich war. Letztendlich muss ich auch ganz pragmatisch sagen, dass niemand etwas davon hat, wenn ich so lange über den ersten genialen Satz brüte, dass ich nur alle fünf Jahre ein Buch herausbringen kann. Auch wenn du natürlich danach streben solltest, den perfekten ersten Satz zu finden, ist es hier auch keine Schande, sich mit Mittelmaß zu begnügen. Weitaus wichtiger ist es, dass der gesamte Anfang fasziniert und neugierig macht. 

Ein wundervolles Zitat hierzu kommt von William Faulkner: 

„Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will.“ 

Beim Thema Prolog scheiden sich die Geister. Einige lieben ihn, andere hassen ihn. Ich gehöre zu Ersteren.

Doch unabhängig von jeglichen Geschmacksfragen kann ein Prolog sinnvoll sein, 

  • wenn du eine Szene oder ein Ereignis hast, das VOR der eigentlichen Erzählzeit liegt,
  • du darin von einem Ereignis erzählst, bei dem du die Emotionen der Leser ansprichst
  • und dessen Bedeutung sich dem Leser im Laufe  der Geschichte nach und nach erschließt. 

Gibt es dieses zurückliegende Ereignis nicht? Lass den Prolog weg!

  1. Fange mit einem Inneren Monolog an, in dem LeserInnen Einblicke in die Gefühlswelt deiner Hauptfigur gibst!

Bis vor einiger Zeit war ich ein richtiger Glückspilz. Als Redakteurin eines Boulevardmagazins jettete ich um die Welt, ich hatte jede Menge Designerklamotten in Größe 36 im Schrank, und mein Freund Sam sollte bald die Apothekenkette seines Vaters übernehmen. (Zeit für Eisblumen)

2. Fange mit einem Dialog an!

“Gefällt dir dein neues Zuhause?”

“Ja, sehr.” Helena lächelte die zierliche Frau an, die wunderschön war und die Figur eines Mannequins hatte.

(Das kleine Bücherdorf: Herbstleuchten)

3. Fange mit einer Schauplatzbeschreibung an!

Der Sturm peitschte den Regen mit voller Wucht gegen das weiße Sprossenfenster. (Das kleine Bücherdorf: Winterglitzern)

4. Fange mit einer Figurenbeschreibung an!

Das fremde Mädchen trug ein rosafarbenes Kleid mit einer breiten Spitzenborte am Saum und weiße Schnallenschuhe. (Zwischen dir und mir das Meer)

5. Fange mit einer Gegenstandsbeschreibung an!

Im Laufe ihres Lebens hatte Martha die unterschiedlichsten Schlüssel in der Hand gehabt. (…) Doch keiner von ihnen hatte sich so schwer angefühlt wie dieser Schlüssel, der so klein und schmucklos wie der eines Gartentürchens war. (Finsterwelt: Die Magische Meisterschaft)

In Schreibratgebern werden immer wieder No-Gos genannt, wie man ein Buch auf gar keinen Fall beginnen soll. So sollst du zum Beispiel nicht mit dem Wetter, mit dem Aufwachen oder mit einem Traum beginnen. Offenbar wussten das AutorInnen von absoluten Klassikern der Weltliteratur nicht, denn Steinbeck, Kafka und Christie tun genau das.

„Über das rote Land und einen Teil des grauen Landes von Oklahoma fiel sanft der letzte Regen, aber er schnitt nicht in die rissige Erde ein. Die Pflüge kreuzten wieder und immer wieder die kleinen Furchen der Bäche.“ (Früchte des Zorns, John Steinbeck)

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in einem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ (Die Verwandlung, Franz Kafka)

Mrs Bantry träumte. (Die Tote in der Bibliothek, Agatha Christie)

Kleiner Scherz! Natürlich wussten alle drei ganz genau, was sie taten, und sie haben mit ihren Anfängen einen ganz bestimmten Zweck verfolgt. Außerdem haben sich selbsternannte ExpertInnen ausgedacht, nicht LeserInnen. 

Nur einen Fehler solltest du wirklich unbedingt vermeiden: 

Verwirre deine Leser*innen nicht gleich am Anfang des Romans mit Unmengen von Informationen oder Charakteren! Etwas nennt man in der Fachsprache Infodump! Wie du beim Schreiben, brauchen auch Leser*innen Zeit, um sich in deiner Welt zurechtzufinden und darin einzutauchen. Schenk ihnen diese Zeit!

2007 wurde übrigens in einem Wettbewerb der schönste erste Satz gekürt. Gewonnen hat Günther Grass Der Butt, und er lautete: Ilsebill salzte nach.

Meine 6 Top-Tipps zum Romananfang zusammengefasst:

1. Werfe die LeserInnen mitten in die Handlung!

2. Mache die LeserInnen sofort mit der Hauptfigur vertraut!

3. Mache deine LeserInnen sofort mit der Alltagswelt deiner Hauptfigur vertraut!

4. Sorge für Spannung durch Andeutungen!

5. Sorge für Orientierung! (Wer befindet sich wo wann und ggf. warum?)6

6. Beherzige das Prinzip Show don´t tell! Immer aber vor allem am Romananfang!

Das waren jetzt eine ganze Menge Tipps. Letztendlich wird dir aber nur ein einziger dabei helfen, wirklich in deine Geschichte hineinzufinden: Fang einfach an. Du hast in der ersten Version des Anfangs nur eine einzige Aufgabe! Sag deinem inneren Zensor: Halt die Klappe!

Das muss auch nicht am Anfang sein. Du könntest genauso gut bei einer Herzensszene anfangen. Bei meinen ersten Büchern Aussicht auf Sternschnuppen und Zeit für Eisblumen habe ich sogar mit als Erstes den Schluss geschrieben. Das war super, denn so wusste ich noch genauer als nur durch den Szenenplan, wo meine Reise hingeht. Aus irgendeinem Grund habe ich das aber nachher nie wieder geschafft. Ich beginne seitdem am Anfang, egal wieviel Blut, Schweiß und Tränen er mich kostet – und das war abgesehen vom Blut leider nicht die ganze Zeit über metaphorisch gemeint. 

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Wie oft schreibst du einen Anfang um?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal stehen Anfänge wie bei Das kleine Bücherdorf: Winterglitzern sofort. Ein anderes Mal lösche ich ihn beim Überarbeiten und schreibe ihn komplett neu (Herbstleuchten). Und manchmal gefällt mir der Anfang selbst echt gut, aber meine Lektorin weist mich daraufhin, dass ich besser noch einmal ran sollte (O-Ton meiner Lektorin bei Immer wieder im Sommer: Ich bin schon sehr involviert in Annas Geschichte, aber den Anfang würdest du besser noch einmal grundlegend überarbeiten.) Man muss sich als Autor*in wirklich ein dickes Fell zulegen 😉

Wie lange brauchst du, um in eine Geschichte hineinzufinden?

Auch das ist vollkommen unterschiedlich. Aber tatsächlich ist der Anfang der Teil, der mir immer am schwersten fällt. Vor allem beim ersten Band einer neuen Reihe. Ich schreibe ca. 4 Monate an einem Roman, ein ganzer Monat kommt dabei fast immer den ersten 10000 bis 20000 Wörtern einer Geschichte zu.

Gab es Bücher, bei denen dir der Anfang besonders leicht gefallen ist?

Ja, bei Winterglitzern, Aussicht auf Sternschnuppen, Zeit für Eisblumen, Finsterwelt 3. Wenn ich so darüber nachdenke, sind mir die Anfänge bei meinen ersten Bücher leichter von der Hand gegangen als später. Wahrscheinlich weil ich mir nicht so viel Kopf über das Schreibhandwerk gemacht und einfach drauf kosgeschrieben habe. Dafür musste ich früher im Durchschnitt mehr überarbeiten als jetzt.

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